Äpfel, Birnen und Gehälter

Eine Studie vergleicht berufsunabhängig Durchschnittsgehälter von Männern und Frauen -- das verstehen nicht alle Medien (Foto © Cornerstone / PIXELIO)
Von Medium zu Medium springt die Meldung, dass Frauen laut einer aktuellen EU-Studie weniger Geld verdienen als Männer (hier die Berichterstattung der Welt). Im Durchschnitt bekommt eine deutsche Frau 23 Prozent weniger Gehalt als ein deutscher Mann. Wichtig zu beachten ist, dass die Aufteilung der Geschlechter auf die Jobs immer noch sehr unterschiedlich ist.
Einige Medien haben diese Meldung falsch aufgegriffen oder berichten irreführend. Allen voran ist die Münchner Boulevardzeitung tz zu nennen, die im Header ihres Artikels suggeriert, in der Studie gehe es um einen Vergleich zwischen Frauen und Männern in gleichen Jobs. Auch im weiteren Artikel verzichtet die tz geflissentlich darauf, zu beschreiben, worum es in der aktuellen Studie geht.
Um die Verwirrung komplett zu machen, wird eine Gehaltstabelle gebracht, in der anscheinend beliebig nach Geschlecht unterschieden wird oder auch nicht. Ohne zu erörtern, ob ein Florist mehr verdient als eine Floristin (nach dem Header eigentlich zu erwarten), wird angeprangert, dass eine Floristin der untersten Lohngruppe im Durchschnitt weniger verdient als ein Maler in der untersten Lohngruppe. Abgesehen davon, dass diese Berufssparten nicht eben leicht vergleichbar sind.
Die Berliner Morgenpost, deren Redaktion eigentlich deckungsgleich mit der der Welt ist, bringt den Artikel nur stark verkürzt und ohne darauf hinzuweisen, dass nicht gleiche Berufe, sondern Bevölkerungsdurchschnitte verglichen wurden. Auch die Onlinepräsenz der Deutschen Welle verzichtet auf einen solchen Hinweis.
Der ddp bringt gleich zwei Artikel zum Thema, in denen ein deutlicher Hinweis auf den Gegenstand der Studie fehlt. Stattdessen wird im ersten Artikel darauf hingewiesen, dass Frauen heute vielfach eine bessere Ausbildung hätten als Männer. Belegt wird das mit dem Argument, dass heute mehr Frauen einen Universitätsabschluss erwerben als Männer. Das mag europaweit stimmen. Jedoch wies die letzte Untersuchung von Eurostat 2005 für Deutschland einen Frauenanteil unter den Studierenden von lediglich 49.5 Prozent aus, was Deutschland EU-weit gemeinsam mit Zypern zum Schlusslicht macht.
Außerdem suggeriert der ddp, dass ein höherer Frauenanteil fachunabhängig einen höheren Durchschnittslohn erwarten ließe. In besonders gehaltsträchtigen Studiengängen wie zum Beispiel den Naturwissenschaften, Mathe und Informatik ist der Frauenanteil in Deutschland allerdings mit 33.4 Prozent noch deutlich niedriger als der Durchschnittswert über alle Fachrichtungen.
Im zweiten ddp-Artikel kommt die Gleichberechtigungsexpertin bei der Gewerkschaft ver.di, Alexa Wolfstädter, zu Wort. Sie prangert als ungerecht an, dass verschiedene Berufe unterschiedlich bezahlt werden (namentlich werden “Frauenberufe” schlechter bezahlt). Verglichen werden hier Arzthelferinnen mit Müllmännern, ohne dass Zahlen genannt werden. Außerdem macht Wolfstädter das “struktur-konservative” Rollenbild in Deutschland für die Lage verantwortlich.
Nun stellt sich die Frage, ob in einem Land, wo fast genau so viele Studentinnen wie Studenten zur Uni gehen, diese Studentinnen sich in ein struktur-konservatives Rollenbild pressen lassen. Für mich wirkt die Fächerwahl als Ursache der Gehaltsunterschiede überzeugender. Zum alleinigen Sorgerecht gezwungen wird auch niemand, geschweige denn dazu, ein Kind überhaupt zu bekommen. Außerdem gibt, wer ein Kind bekommt, die Erziehung vielleicht nicht gerne in andere Hände. Da können Familie und Beruf durch vorhandene Betreuungseinrichtungen vereinbar sein oder nicht — wenn kein Nutzungswunsch da ist, nützt das nichts.
Eine Ursache für Gehaltsunterschiede wird in dem ddp-Artikel genannt, die mich überzeugt: Gehaltsunterschiede entstehen, wo Angestellte untereinander nicht über ihr Gehalt reden. Es ist mir aber nicht klar, wo das Frauen benachteiligt. Und das Problem ist auch leicht zu beseitigen: Einfach anfangen darüber zu reden, das wird dann schon irgendwie versilbert.
Geschlechtsbedingte Gehaltsunterschiede bei gleichen Jobs mag es geben oder nicht — jedenfalls trifft die genannte aktuelle Studie darüber keine Aussage. In einem Positionspapier (PDF) diskutiert die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) sogar die Unterschiede weg. Der BDA ist zugegeben alles andere als eine neutrale Partei. Aber in Artikeln wie den oben genannten kann man derartige Zahlen, wo Gleiches mit Gleichem verglichen wird, schmerzlich vermissen.
(Foto: PIXELIO)
Tags: Berliner Morgenpost, ddp, Deutsche Welle, tz, Welt
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Ah, entschuldige bitte, dass ich deinen Artikel erst jetzt sehe — hatte in den letzten Tagen keine Gelegenheit, Feeds zu lesen. Sehr interessant! Meine paar Cents:
Die Ungenauigkeit, mit der das Thema in den Medien und (zumindest teilweise?) in der Politik angegangen wird, ist in der Tat traurig. Traurig auch, dass das Papier der BDA — auch wenn es natuerlich nicht den Beschraenkungen eines Zeitungsartikels unterliegt — unter den verlinkten Texten der mit der groessten Substanz ist. Allerdings ist die einzige groessere ueberregionale Zeitung, die du verlinkt hast, die Welt, und selbige schlaegt sich bei der Bearbeitung des Themas noch recht gut — insofern ist das vielleicht einfach nur ein Grund mehr, gute Zeitungen zu lesen.
(Habe bei der Zeit keinen aktuelle Artikel zu dem Thema finden koennen, aber falls du noch Links hast oder den Titel der Originalstudie kennst, immer her damit. ;-) )
Warum es gut fuer Frauen ist, ueber Gehalt zu reden: Anscheinend verhandeln Frauen haeufig nicht aggressiv genug und schneiden daher bei Gehaltsverhandlungen schlechter ab (habe allerdings keine Daten dazu). Und nichts — das faende ich zumindest plausibel — macht es einfacher zu verhandeln als das groesse Gehalt des Mitarbeiters, und nichts macht Schlechterbezahlte (also haeufig Frauen) verhandlungswilliger als Neid auf selbiges. Allerdings bin ich nicht sicher, ob das Vergleichen mit Mitarbeiten gut fuer die Unternehmenskultur ist. Zumindest bei dSPACE meine ich mich zu erinnern, dass es generell (vielleicht sogar offiziell?) erwartet wurde, nicht ueber sein Gehalt zu reden, und das Arbeitsklima dort war — vielleicht auch deswegen — sehr gut.
Vielleicht bin ich zu misstrauisch, aber ich sehe den Hauptzweck einer solchen (informellen?) Schweigeklausel darin, dass der Arbeitgeber Geld spart, weil Mitarbeiter, die sich daran halten, in Gehaltsverhandlungen weniger sicher auftreten können. Möglicherweise trifft das besonders Frauen.
In der Uni, wo ich arbeite, reden einige mit mir über ihr Gehalt, und das Arbeitsklima ist dennoch sehr nett. Ein wichtiger Unterschied kann allerdings sein, dass alle da nach irgendeinem Tarif bezahlt werden, der eh einsehbar ist.